one day exhibition Nr.06, Ellice Renner 26.05.2021


Datum 26.05.2021 10-18h
IKL, Karl-Schweighofer-Gasse 3, 1070 Wien

Die Sirene spricht. Und ihr kommt, immer!

Die Sirene galt im mittelalterlichen Christentum als die Verkörperung aller weltlichen Verlockungen – von Homer bis Boccaccio wurde sie oftmals neu erschaffen. Diese Mythen und Trugbilder über weibliche Wesen tragen in ihrer fortdauernden Reproduktion zu toxischen Gesellschaftsstrukturen bei. Doch was kommt dabei heraus, wenn man die Protagonistin selbst zu Wort kommen lässt?


Ellice Renner beschäftigt sich in ihrer künstlerischen Arbeit mit ihrer eigenen Realität, ihren Träumen und Erfahrungen hauptsächlich in Form von Text, Ton und Video. Die Natur spielt dabei eine grundlegende Rolle und setzt das Erlebte in einen universellen Kontext. Neben ihrem Studium an der Akademie der bildenden Künste ist Ellice auch als Sozialpädagogin tätig und lässt diese zwei Lebensbereiche gerne ineinandergreifen.


Ausstellungsansicht / Ellice Renner 2021

Die Ausstellung Die Sirene spricht. Und ihr kommt, immer! bespielt das ganze Gebäude des Instituts für künstlerisches Lehramt der Akademie der Bildenden Künste Wien mit der audiovisuellen Arbeit von Ellice Renner.

Beim Betreten des Hauses erblickt man die Textinstallation Die Sirene spricht. Man folgt dem, auf den Marmorboden des Stiegenhauses angebrachten Text, der bis ins Dachgeschoß führt. Mit jedem Schritt wird der Klang, der von oben herunterströmt, lauter und deutlicher. Ein Sirenenlied lockt immer weiter nach oben. Vogelgezwitscher, das Plätschern eines Baches und das Rauschen des Windes kommt hinzu und das Video Sirenengesang Teil 3 wird sichtbar. Dazu immer wieder ein Sirenenlied. Der Weg führt weiter, vorbei an zwei Szenen eines Teiches, die an die Wand projiziert sind. Man ist von einer Klanglandschaft aus Naturgeräuschen und unheimlichen Gesängen umgeben. Der Text endet mit dem Tod und führt in das dritte Video Sirenengesang Teil 1 hinein. Ins Wasser. In die Unendlichkeit.

Man steht nun oben in der Galerie des Dachgeschoßes mitten in der Klang- und Videoinstallation, die den ganzen Raum füllt. Ruhe kehrt ein. Man ist angekommen.


Video Ausstellungsansicht/ Ellice Renner 2021

„Während der Recherche für die Aufgabe, einen kurzen Text über die homerischen Sirenen zu schreiben, stieß ich auf die Auffassung und Verwendung des Sirenenmythos der christlichen Mönche im Mittelalter. Die Sirenen waren eine Allegorie für die Verführungen dieser Welt, denen man widerstehen musste, für die weibliche Sexualität und ihre Unbändigkeit, und somit eine Gefahr für die männliche Seele. Als ich in diesem Zusammenhang das Wort „Hure“ las, war die Idee zu einem inneren Monolog einer Sirenenfigur, die den Ruf als gefährliche Männerverführerin satt hat, geboren.“ Ellice Renner


Text „Die Sirene spricht.“ von Ellice Renner 2020

Und ja, ich bin eine Hure!
Ich kann jeden haben den ich will!
Ihr alle kommt angekrochen mit tropfenden Mäulern und vor Durst verschleierten Augen.

Ihr wollt mein Fleisch.
Ihr wollt mein warmes, weiches Fleisch.

Ihr riecht es schon am Wind.
Ganz leise hört ihr mich auch atmen, stöhnen, singen.

Oh welch schöner Gesang!
Oh welch warmer Geruch!

Und die Lust fängt an zu nagen.
Und ihr spürt es ganz tief unten im Bauchraum hochsteigen.
Der Kopf wird rot, die Ohren werden heiß.

Kommt zu mir ihr lüsternen Wesen!
Ich will euch!
Ich kann euch alles zeigen was ihr jemals sehen wolltet!

Und ihr kommt. Immer.
Ihr schlürft übers Meer herbei.

Und ihr könnt mich spüren.
Euer Körper hält sich kaum selber fest.
Er droht zu explodieren.

Und ihr seid da.
Und ich hab´ euch.

Erhitzt und vor Schweiß triefend liegt ihr neben mir.
Der Kreatur.
Kaltes, nasses Fleisch.
Nebeneinander.

Und ich flüstere euch ins Ohr.
Meine Stimme verheißt Wunder.

Alles was ich weiß ist jetzt eures.
Ich weiß viel.
Viel mehr als euer Kopf tragen kann.

Und ihr steht auf.
Und ihr wisst ihr müsst zu eurem Schiff zurück.
Ihr müsst die Wahrheit verbreiten.
Frohe Kund‘ tun.

Ihr geht ins Wasser.
Schreitet voran.
Voller Kraft und Tatendrang.

Das Wasser wird tiefer.
Tiefer als ihr.
Die Wellen verheißen den Tod.

Der Kopf wird euch schwer.
Wie könnt ihr ihn auch noch halten mit dem was er jetzt enthält?

Ihr werdet müde.
Der Sog nach unten schmerzt in den Beinen.
Das Meer ist kalt.
Unter euch ist es tiefschwarz.

Euer Atem verlangsamt sich und die Gedanken ziehen sich wie Teig.
Jeder Gedanke wird zu einem Atemzug.
Ein und aus.

Es fließt.
Verfließt.
Euer Körper wird warm.
Bis in die Zehen hinunter spürt ihr die Weite, die ihr jetzt in eurem Kopf erreicht habt.

Der zähe Gedankenbrei löst sich auf,
fängt an zu schweben,

wird immer leichter
und kleiner

und durchsichtiger und weicher

und leichter und höher

und schöner und wärmer

und heller und heller

und heller und


Ausstellungsansicht / Ellice Renner 2021

Der erste Teil des Textes Die Sirene spricht. beinhaltet ein Spiel mit diesem Wort „Hure“ und die Erkundung der Lust der Sirene. Dieser wurde zu drei Sirenengesängen von Ellice Renner eingesungen und anschließend an Wasserstellen abgespielt. Die Szenen, die auf die Wand projiziert wurden, sind das Produkt dieses Zusammenspiels von Naturgeräuschen und Sirenengesang.

Der zweite Teil des Textes fokussiert auf die Auffassung, dass die Sirenen in manchen Überlieferungen ein Symbol für Allwissenheit darstellen und man alles Wissen der Welt bei ihnen erfahren kann. Mit den neuen Erkenntnissen und dem dadurch aufgeklärten Denken kann man nicht in die alte, unwissende Welt zurück und stirbt.


„Das Bild der Sirenen als Verführerinnen mit nacktem Oberkörper und fischartigem Unterleib ist noch sehr präsent. Diese Mythen und Trugbilder über Frauen werden nach wie vor zitiert und reproduzieren dadurch eine immer noch aktuelle patriarchale Gesellschaftsstruktur und tragen somit zur Unterdrückung der Frau bei. Das Wissen über Frauen und ihre Geschichte wird seit jeher verschwiegen, absichtlich verändert oder vergessen. Daher ist es mir wichtig diese Figuren selbst zu Wort kommen zu lassen um diese Erzählungen aufzubrechen. Ich hoffe, dass ich mit dieser Auseinandersetzung zeigen kann, dass ein Mythos nicht starr in seiner Darstellung ist. Man kann ihn verändern, andere Perspektiven beleuchten, andere Figuren zu Wort kommen lassen.“ Ellice Renner


Ausstellungsansicht / Ellice Renner 2021

Sirenengesang Teil 1, 2020


Sirenengesang Teil 2, 2020


Sirenengesang Teil 3, 2020